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"Rohstoff - Der Schriftsteller Jörg Fauser"
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Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser, Eine Biografie,
von Matthias Penzel/Ambros Waibel
Edition Tiamat, Berlin
Sauberer Lorbeer und schmutzige Wäsche,
Struktur und Problematik der Prosa Jörg Fausers, von Ralf Firle,
Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt 1986
Vergleichende gattungstypologische Untersuchungen zu Jörg Fausers Romanen „Der Schneemann" und „Rohstoff", von Ingo Hooge,
bei Prof. Dr. Jürgen Hein, Lienen, 1986
Die Kriminalromane Jörg Fausers
von Jan Hennings,
Freie Universität Berlin, 1991, bei Prof. Dr. Peter Nusser
Die Erzählungen Jörg Fausers
von Monika Martin,
Freie Universität Berlin, 1994, bei Prof. Dr. Peter Nusser
Jörg Fausers Literaturauffassung. Eine biographische Annäherung.
von Helmut Bednarczyk,
Johann-Wolfgang-von Goethe Universität Frankfurt, 1994, bei Prof. Dr. Volker Bohn
On the trail of the nomand in the work of Jörg Fauser
Von Jonathan Woolley,
Lonsdale College, Lancaster, UK 1998, bei Dr. A. E. Waine
Zwischen Fakten und Fiktion. Jörg Fausers Weg von der Beat-Literatur zum Kriminalroman. Ein Beispiel postmodernen Schreibens
von Nils Aschenbeck,
Universität Bremen, bei Prof. Dr. Wolfgang Emmerich
Ausgewählte Beispiele produktiver Rezeption der amerikanischen „hard-boiled school" im deutschen Kriminalroman (Schneemann, Schlangenmaul, Kant)
Von Wolfgang Kemmer,
Philosophische Fakultät der Universität Köln, 1999, bei Prof. Dr. Volker Neuhaus
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Aus dem "Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur", herausgegeben von Dr. Thomas Kraft,
München: Nymphenburger Verlag 2003
Fauser, Jörg, geboren am 16. 7. 1944 in Bad Schwal-bach/Hessen als Sohn eines Malers und einer Schauspielerin. Schon im Kindesalter wirkte Fauser bei Hörfunk- und Fernsehproduktionen des Hessischen Rundfunks mit. 1959/60 erschienen erste journalistische Beiträge in der »Frankfurter Neuen Presse«, 1964 sein erstes Gedicht An London in den »Frankfurter Heften«. Nach dem Abitur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer, Fauser machte erste Erfahrungen mit Heroin. Er arbeitete in einem Altenheim in London und brach sein Anglistik- und Ethnologiestudium an der Universität Frankfurt/M. ab. Es folgten ausgedehnte Reisen nach Spanien, Griechenland, Irland und in die Türkei. 1966 trat er seinen Ersatzdienst als Krankenpfleger im Bethanien-Krankenhaus in Heidelberg an und wurde drogenabhängig. Er setzte sich nach Istanbul ab, lebte im Drogenviertel Tophane. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland verarbeitete er seine Erlebnisse in einem gleichnamigen Buch, das 1970 erschien. Er schrieb für die Zeitung »twen« und gab mit Jürgen Ploog, Carl Weissner und Udo Breger die Untergrundzeitungen »UFO« und »Gasolin 23« heraus. 1972 kam er nach einer Entziehungskur von harten Drogen los. In Berlin, Göttingen und Frankfurt schlug er sich als Bankangestellter, Flughafenarbeiter und Nachtwächter durch. Ab 1974 schrieb Fauser für die »Basler Zeitung« Reportagen und Essays, im gleichen Jahr zog er nach München um. 1976 und 1977 besuchte er Charles Bukowski in Los Angeles. Ab 1979 schrieb Fauser Texte für den Rocksänger Achim Reichel sowie Kolumnen für das Berliner Szenemagazin »Tip« und die Zeitschrift »lui«. 1981 siedelte er vorübergehend nach Berlin über. 1984 kam die Verfilmung des Schneemanns mit Marius Müller-Westernhagen (Regie: Peter F. Bringmann) in die Kinos, 1985 arbeitete Fauser mit Dagobert Lindlau an einem Drehbuch über organisiertes Verbrechen, das später nicht realisiert wurde. Im gleichen Jahr heiratete er in Hannover Gabriele Oßwald und zog nach München um. Er schrieb weiterhin Drehbücher und Reportagen und trat in die Redaktion der Zeitschrift »TransAtlantik« ein. Am 17. 7. 1987 wurde er bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von München tödlich verletzt. Postum verlieh ihm die Autorengruppe »Das Syndikat« einen »Ehren-Glauser« für sein Gesamtwerk.
»Das Leben hat alles, was gebraucht wird.« Dieses dem Erzählband Mann und Maus (1982) vorangestellte Motto hat für Jörg Fausers literarisches Schaffen programmatischen Charakter. Von der ätherischen Ratlosigkeit bürgerlicher Groß-schriftsteller gelangweilt, bedient sich Fauser aus der Fundgrube des prallen Lebens, verwendet seine Erfahrungen aus dem Milieu der Grenzgänger und Desperados als literarischen Rohstoff (1984). Getreu der Devise, »daß nichts phantastischer ist als die Wirklich-keit und nichts fiktiver als das Leben«, tritt er wie ein hartgesot-tener Literaturagent auf, der »angestellt ist beim Verfas-sungsschutz für Sprache und Zweifel«, dem Leben erbarmungslos auf der Spur. Er steigt hinab in dessen finsterste Abgründe, schnüf-felt in stinkenden Löchern und versteckten Ritzen, watet im Kot einer tristen, sich im Todeskampf windenden Überflußgesellschaft und seziert unsentimental deren menschliche »Ex-kremente«, die als bierselige Stammgäste die Tresen gesellschaft-licher Randzonen bevölkern und vom »häuslichen Glück mitten im Minenfeld der sozialen Kämpfe« träumen. Fausers Bewunderung gilt den pas-sionierten Verlierern, den glücklosen Veteranen des täglichen Überlebenskampfes, den Großmei-stern des ewigen Selbst-betrugs, die endlich den großen Coup landen, einmal »die echte heiße Sonne sehen« wollen. Diese von angstvoller Hitze und cool-lässiger Brutalität vibrierende Atmosphäre fängt Fauser mit geschärftem Blick ein, ohne sich voyeuristisch daran zu delek-tieren oder skurrile Kunstfiguren in ein sozial unver-bindliches Irgendwo zu transportieren. Für ihn ist »der Poet ein Lumpensamm-ler/ er kommt mit den Abfällen aus/ wie die Ratte und der Schakal« (Trotzki, Goethe und das Glück, 1979). Fündig wird er in den Großstädten; in den Zentren der Macht und des Scheins »begegnen wir der Psyche unserer Epoche.« Hier erhält er das konzentrierte Extrakt moder-ner Verhaltensformen, durchtränkt von Korruption, Angst, Lebens-gier, Gewalt und Machtbesessenheit; Chiffren für im Grunde archaische Träume und Sehnsüchte, die bei Nichterfüllung mit Alkohol und Rauschgift kompensiert werden. Die Droge dient Fauser nur als Metapher für das Verlangen, sich an etwas zu berauschen, unstillbares Verlangen zu entwickeln.
Fausers erste Publikationen Aqualunge (1971) und Topha-ne (1972), grelle Cut-up-Experimente im Stil der amerikanischen »beat-generation«, dokumen-tieren Fausers Junkie-Erlebnisse in den Slums von Istanbul. In einer von alptraum-artigen Bildern durchsetzten Kiffersprache wird dem Leser viel von der paranoiden und isolierten Situation Suchtkranker bewußt. In den folgenden Gedichtbänden Die Harry Gelb Story (1973) und Trotzki, Goethe und das Glück (1979) setzt sich Fauser in bitteren Sequenzen mit seiner Drogen-zeit, diesem Balanceakt zwischen Leben (= Schreiben) und Tod, auseinander: »Sinnloses Heulen und sinnloses Gehämmer der Schreib-maschine unterm denatu-rierten Zementhimmel, draußen der Tod auf Raten, drinnen letzter Versuch, Finger an die Tasten gekrallt...« Infiziert vom amerika-nischen Mythos von Freiheit und Abenteuer, gefällt sich Fauser in der Rolle des verstoßenen »Outlaws«, der zwischen Sex, Rock'n'Roll und einem Sixpack Budweiser mit kernigen Sprüchen - »die Hitze pappte an den Wänden wie das Blut in einer Monatsbin-de« - seinen Vorbildern der amerikanischen »hard-boiled-fic-tion« (Chester Himes, Raymond Chandler) nachzueifern ver-sucht. Als Mitglied einer Generation, die in ihren Köpfen ständig die Bilder des »film noir« und unvergessener Hollywood-Strei-fen präsent hat, bemüht sich Fauser um fesselnde Unterhaltung, schickt seine literarischen Doppelgänger Johnny Tristano, Harry Gelb, Kant, Harder, Blum und Harry Lipschitz in »den trüben Bauch der Städte«, wo sie im Dunstkreis von Kokain-Mafia, Zuhälterkreisen und mondäner Schickeria den moralischen Abfall einer kaputten Gesell-schaft möglichst unauffällig beseitigen sollen. Die Bilder, die Fauser dabei erzählend inszeniert, erscheinen häufig als Reminiszenzen an verehrte Autoren wie Eric Ambler und Dashiell Hammett:: »Erinnerungen von gestern sind die Texte von heute, die Asche von morgen« (1976).
Die Authentizität, die sensibel erworbene Milieu-kenntnis seiner Texte, speisen sich aus Fausers nicht immer frei-willig erworbenem Erfahrungsschatz. Seine unstillbare Neugier, sein vorurteilsloses Interesse für alle Schattierungen des Lebens und seine Besessen-heit in der detaillierten Umsetzung eigener Beobachtungen verhindern, mit Ausnahme des Romans Das Schlangen-maul (1985), wo er modisch akzentuiert »Action«-Klischees überstrapaziert, eine konventionelle Belletristik. Als Autor, der »von der Nadel zur Feder« griff, ist Fauser, selbst großer Verehrer der zeitlebens wenig geliebten Joseph Roth und Hans Fallada, durch das Sieb der meisten Feui-lletons gefallen. Wer seine Texte als Szene-Literatur abtut, negiert die städtische Wirklich-keit: »Das Leben (...) tritt von Anfang an als Verfäl-schung der Vorlage auf.« Die geschönte Welt im Hochglanzformat in ihrer Tristesse transparent zu machen, sie ebenso zu entmythologisieren wie eine sich radikal und rebellisch gebärdende Subkultur, die mit ihrem Anpas-sungszwang zum Teil verlogener als ihr gesellschaftlicher Antipode erscheint, ist Fausers Anliegen. Ihn interessieren die menschlichen Grauzo-nen, die durch den Schatten des Zweifels zwischen Entwurf und Realität entstehen, das Zwielicht und die Dunkelheit, in deren Schutz die Menschen und die Dinge wirklich und unverfälscht erscheinen. Kunst bezeichnet Fauser als »elemen-tare Rebellion«, seine Schreibmaschine als »Waffe«, mit deren Hilfe er »es sich und anderen immer wieder schwermachen, ja uns verletzen will, damit wir uns nicht mit dem Leben abfinden, wie es uns vor-geschrieben ist von allen In-stitutionen und von der unerschütterlichsten Institution, der Natur.«
Vernarbt, seelisch und körperlich, von den Drogen und vom Entzug gepeinigt, »dem Horrortrip, mit dem die Furien des Schlafmohns ihre unfähi-gen Liebhaber bestrafen«, erspart uns Fauser Larmoyanz und ziellose Aggressivität. Mit lakonischen Aphorismen, immer pointiert und trocken, erzählt er Geschichten, meist seine eigenen. Ein gewisses Macho-Gehabe und die Lässigkeit seiner Helden entleiht Fauser den Kultfi-guren amerikanischer Detektivgeschichten wie Philip Marlowe oder Lemmy Caution. Diese selbstironische Stilisierung wirkt unaufdringlich, zuweilen komisch, immer ehrlich und deswegen sympathisch. Jörg Fauser, eine schillernde Figur der Kulturszene, lange nur ein Insider-Tip, der erst durch den Erfolg seines Romans Der Schnee-mann (1981) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, hinterläßt nach seinem Tod eine nur schwer zu schließende Lücke in der ohnehin nur kleinen Gruppe interessanter deutschsprachiger Kriminal-Autoren. Welcher Literat ließe sich heute schon zu solchen Bekenntnissen hinreißen: »Allerdings ist das Leben ein Dreck, aber es ist auch eine Lust, im trüben Bauch der Stadt zu liegen und ihre Fäulnis zu kosten und ihren Eiter zu saufen und ihr Fieber zu beschreiben und hinter ihren Mülltonnen zu kauern vor Tagesan-bruch und dann hinauszutreten auf den Platz und zu sagen: Grüß Gott, war eure Verlorenheit auch so sanft wie meine?«
Thomas Kraft-
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